Von einem, der verschwand (Teil 7).

Drin ::

Mein Gefährt grub sich mit seinen Pedalen in den Bachboden ein und stark tropfend musterte ich die wiederholte Nichtexistenz vom Manne in Rot. Die Mühle stand wieder an ihrem ursprünglichen Ort. Doch das interessierte mich nicht mehr. Bedient von allem, was mir soeben widerfahren ist, trat ich erschöpft den Heimweg an. Ich wollte mit keinem darüber reden. Wer würde mir das alles glauben wollen?

Nach einigen Wochen der Gedankensperre und Sprachstille war ich wieder bereit, den Esel aus Draht durch die Ödnis zu peitschen. Verständlicherweise meinerseits wählte ich an einem warmen Sonnentag andere Routen entlang des Vulkanrückens und erfreute mich der Abkühlung durch des Forstes Dunst. Die Pfade durch mein neues Revier führten mich durch Täler, die gesäumt waren von feinsten Lupinen, den mächtigsten Farnen und natürlich einem farblosen Rucksack, der mitten auf dem Weg lag.

Ich bekam schon einen Schreck als ich diesen sah, doch beruhigte ich mich durch seine unfeine Ansprache meiner optischen Reizwahrnehmung. Eine Kurve später hörte ich hinter mir ein lautes Quietschen, wie von einer sehr schweren Stahltür. Hatte ich hier irgendetwas übersehen? Ich drehte um und passierte den Punkt, wo ich den verdreckten Rucksack gesehen hatte. Er war weg. Ein Rascheln kam nun wieder aus der Richtung hinter der Kurve. Wie ein gehetztes Tier fuhr ich in diese hinein und musste sofort meine besten Reflexe bemühen, als ich fast in einen Wanderer fuhr. Mein Gefährt und ich strauchelten gewaltig, ich lenkte auf eine kleine Erhöhung und konnte dann mit Hilfe des hohen Grases souverän bremsen. Mein Blick nach hinten erhaschte nichts. Keinen fluchenden Wanderer oder einen anderen Erholungseifrigen.
gras_blume
Ich fühlte mich wie in einer Schleife, Twilightzone-Rheinland reloaded. Ich dachte, ich hätte alles hinter mir gelassen, aber es fing anscheinend wieder an. Dann das laute Quietschen erneut. Ich schaute quer über den Weg und entdeckt Bewegung am Gehölz. Das Gefährt freundlich ins Grase gelegt, fühlte ich wieder den Detektiv in mir aufkommen. Undetektivisch, aber sehr schnell, mühte ich mich durchs Unterholz und wäre fast gestorben. Mein Herz versagte mir den Schlag, ich sah den Mann in Rot, mit Mütze und Rucksack, vor einem breiten Baum stehend, ihn umarmend. Was für ein Bild, was für ein Wahnsinn, was für ein Durst.

Meine Kehle war durch diesen Anblick in Sekundenschnelle getrocknet. Rotmann änderte die Position und ging auf die andere Seite des Baumes. Das Schlucken viel mir schwer. Ich musste also trinken. Doch ich sollte nicht dazu kommen. Das Quietschen ertönte erneut. Wie ich es in meiner Kindheit von den Komantschen auf dem Ersten gelernt hatte schlich ich mich gebeugt halbkreisförmig um den Baum herum.

Als ich das Ziel erneut erfasste sah ich etwas nie Dagewesenes. Der Mann war wieder nicht mehr da, das war mir hinreichend bekannt, aber der Baum war es, welch Wunder. Und in ihm steckten bis zu Hälfte drin der Rucksack und die Mütze. Sie wirkten wie reingedrückt und hölzisch festbetoniert. Mein mittlerweile halluzinogener Blick ließ mich in Wurzelhöhe den hinteren Rest einer Schuhsohle erkennen. Ich machte nun einen Satz zurück. Der Mann in Rot war nicht weg, er war drin. (Finale)

05. Juni 2014 von Herr Einzel
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