Von einem, der verschwand (Teil 2).

Über Stock und Stein ::

Auf meiner anschließenden Fahrt durch den angrenzenden Tannicht erkannte ich schließlich die Bedeutungsschwere der vorangegangenen Situation und stellte mir mehrere Fragen. Warum war er zur gleichen Zeit da wie ich, warum saß er und stand nicht. Warum schaute er in meine Richtung. Ich fand keine Antworten und beließ es dabei. Der wundersam auftauchende Einzelpfad zu meiner rechten sog mich schließlich in sich hinein, seine Dunkelheit und die erste Wurzelpassage überraschten mich dermaßen, dass mir der Odem stockte. Als ich mich wieder der Aspiration widmen wollte kam schon eine schnelle Abfahrt mit einer steilen Linkskurve, die meine Gewichtverlagerung gerade noch zuließ und meinen Atemreflex herausforderte. Singletrail und Apnoe als neuer Trend? Die herumliegenden Steine und Hölzer überwand ich mit etwas Mühe und dank gezielter Geschwindigkeitsdrosselung meisterte ich den nächsten Abgang, diesmal jedoch nach rechts unten, ohne erkennbaren Weg, schon vortrefflicher. Nach kurzer holpriger Phase entwuchs dem Trampel der Pfad und auch das Licht gesellte sich wieder über mein Haupt.
einzelpfad_dunkel
Den leichten Bogen nach oben nahm ich gerne an, meine Geschwindigkeit war hoch genug und dennoch mußte ich sofort scharf bremsen. Durch das blockierte Hinterrad schlingerte ich mich zum Stillstand und sah das schier Unfassbare. Parallel zu mir in einem Hang stand der Mann mit dem roten Rucksack. Ich hielt natürlich abrupt inne und starrte ihn einfach nur so an. Er starrte nicht. Wie war das möglich? Wie konnte er zur gleichen Zeit hier sein wie ich. Ohne Gefährt, in einem unzugänglichen Hang? Ein kleines fliegendes Insekt vor meinem Gesicht nervte mich kurz ab, so dass ich es mit einer schnellen Handbewegung verscheuchen musste. Ich blickte erneut zum Hang hoch – der Mann war weg. Einfach weg, auch der rote Rucksack und die rote Mütze, der ganze Mann. Er hätte sich auch nicht hinter den jungen Bäumen oder den lichten Büschen verstecken können. Völlig unmöglich. Ich war nun endgültig einigermaßen verwirrt. In diesem Zustand schwang ich mich erneut aufs Gefährt und machte mich vorsichtig auf den Weg heimwärts. (Teil 3)

19. Mai 2014 von Herr Einzel
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