Von einem , der verschwand. (8-Finale)

Spechte und Damen ::

Ich fühlte mal wieder nichts, nicht mal Leere. Auch Trauer war nicht angesagt. War er denn tot oder doch frisches Holz? Als einzigem Teilnehmer der Expedition ‚Rot‘ war es mir nicht vergönnt, den Gedankenaustausch zu suchen. Kein Mensch hätte mir je geglaubt. Vielleicht noch die Presse mit einer Schlagzeile wie: Ein Mann wie ein Baum! So trug ich die ganzen letzten Ereignisse mit mir herum und versuchte damit klar zu kommen. Hin und wieder besuchte ich das Kunstwerk ‚Mann‘, empfand ihn dann aber auch als zu hölzern.

Die Zeit verrann mal schnell, mal zäh und manchmal auch gar nicht, Schalke wurde mal wieder nicht Deutscher Meister und ich entdeckte das Bloggen. Abseits des Mainstream-Alltags, während meiner Freizeit, begann ich allmählich zu realisieren, daß die Zeit gekommen war, sich um der Strapazen willen wieder auf dem MTB zu schinden und sich nach Beendigung der Tour am Wohlgeschmack eines Knusperbrotes zu laben und am Nachhall des Riesling zu erquicken. Schnösel, der ich sein kann.
sonnenblatt
Doch nach dem Gedanken folgt die Tat und damit die Probleme. Ohne Gepäck und Schnickschnack schwang ich mich galant aufs Gefährt. Waren es einst nur Zähne, sind es heuer auch die Knie, die sanft knirschend den Wiegetritt begleiten. Nun kam ich also doch wieder ins Rollen in unbekannte Gegenden, mir eröffnete sich solch ein Bogen aus Sonnenblättern, daß ich innehielt und Poesie empfing. Um nicht zu erkalten und verzerrt heimzukehren führte ich meine Vergnügungsfahrt fort. Noch nie zuvor hat ein Mensch jemals dieses Tal betreten, schien es mir, als ich in eben dieses einfuhr. Das Singen der Vögelein, das Klopfen der Spechte, das weiche Abrollen der Laufräder, Land und Luft sowie meine gute Laune ob dieser Exkursion führten mich auf verschlungenen Einzelpfaden bis zu einem Platz mit einer Bank.

Vertieft in mein Sein machte ich Rast. Etwas weiter entfernt entdeckte ich eine andere Bank, die allerdings stark abgenutzt war. Mir fiel auf, daß es mit einem Male ungewöhnlich still wurde und noch stiller blieb. Es war ein sehr langer Augenblick, den ich mir gerne erspart hätte. Und den folgenden auch. Stimmen erklangen. Mit ihnen kamen dann auch deren Sender, in Gestalt von zwei älteren, stockwandernden Damen. Sie rasteten ebenfalls, entdeckten mich und winkten mir mit ihren verlängerten Zeigefingern zu. Die Lautlosigkeit setzte wieder ein. Kurz darauf hörte ich das Flattern von startenden Vögeln, dann erklang ein ohrenbetäubendes Quietschen. Abermals erstarrte ich vor Schreck über dieses mir bekannte Geräusch und suchte Halt an meinem treuen Gefährt, doch es gelang mir nicht. Ein unglaublicher Ruck durchzuckte urplötzlich meine Biologie und verschwand ebenso schnell. Ohne Zeitgefühl für solche Zwischenfälle kam ich dann wieder zu klaren Gedanken und erkannte die beiden alten Damen, die mit dem Rücken zu mir standen.

Sie diskutierten aufgeregt miteinander und zeigten hektisch auf einen leeren Platz mit einer Bank und einem Geländefahrrad. Ich stand allein vor einem Hang und trug einen roten Rucksack. Mist!
ENDE

10. Juni 2014 von Herr Einzel
Kategorien: SCHILDERUNGEN | 2 Kommentare

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