Untrocken

Draußen regnet es in Strömen, der Sommer hat in seiner offiziellen Höchstphase anscheinend ein Problem mit mir und den anderen fünfundachzig Millionen.

Die Möglichkeit Rad zu fahren? Auf Asphalt gegen die Schwaden anstrampeln ginge womöglich, aber Einzelpfade im Forst…?
Wenn nicht jetzt, wann dann? Durchnässt fröstelnd im Frühaugust, die nassen Blätter durch das Gesicht streifend, die gesamte Konzentration auf den rutschigen Grund gerichtet, die Furcht im Nacken vor dem Sturz in Brennnesseln oder Brombeeren und die Schürfwunden der Felsformation am Beine – so durchlebt man einen Prozess der Selbstfindung eher nicht.

Glitschige Wurzelpassagen und ausgewaschene, sich wieder füllende Wasserläufe runden dieses kantige Bild von einem wirklich fließenden Ride ab. Wer runter gleiten kann, durfte auch schon rauf. Bergauf ein Genuss für Durchdrehende. Die Reifen tun es und der Bergbezwinger ebenfalls. Stilwechsel. Das denkt sich auch mein treues Gefährt und lässt sich zu Gewalttätigkeiten gegen ein Informationsschild hinreißen. Der rote Kreis und das durchgestrichene Bike waren zu viel für seine Nerven, das Geröll zu viel für die Reifen. Ausgrenzen tut man auch nicht. Und tun tut man nicht sagen.
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Nachdem das geklärt war, durchquerten wir – also das Gefährt, ich und mein neuer Freund Regen die Wildnis bis zum dreiköpfigen Gipfel südlich des Schmelztals. Dort angekommen genossen wir den in Nebel gehüllten Blick auf das Siebengebirge, jeder auf seine Art. Ich stand schweigend neben meinem Gefährt, daß sich anlehnungsbedürftig schräg an mich lehnte. Freund Regen hüllte uns sanft in seinen perlenden Vorhang und rauschte zuverlässig vor sich hin. Nach einer angenehmen kleinen Ewigkeit verabschiedete sich Freund Regen von uns, um uns etwas später klamm und heimlich wieder zu besuchen. Wir entdeckten ihn in einiger Entfernung und entfernten uns wegen dringender Termine schnell aus seinem Blickfeld.

Die Abfahrt wurde von in Echtzeit entstehenden Rinnsalen begleitet. Diese sollten bald zu trüben reißenden Bächen mutieren, die alles mitrissen, was ihnen im Wege stand. Wir standen nicht im sondern auf dem Weg und fuhren bachbegleitend heimwärts. Noch trocknend platzierte ich das Gefährt an seine Wand und folgte meiner Freude auf ein regenreiches Wochenende – ohne mich.

02. August 2014 von Herr Einzel
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